Salon-View



 


 
web: agora
 > Home    > Werziade - eine kleine Geschichte


„Werziade“ - was ist das eigentlich?

So rätselte ein Journalist über den Gegenstand seiner Berichterstattung. „Ein ganz tolles Stück Musik“, war dann sein Urteil, jetzt mit einer kleinen Geschichte die Auflösung.

Es war einmal ... ein Internationales Akkordeon Wertungsspiel, Pfingsten 1961 auf dem Killesberg in Stuttgart. Wir, das Harmonika Jugend Orchester „Solitude“ 1932 Stuttgart-Weilimdorf unter der Leitung von Heinz Öttinger, spielten in der Oberstufe „Allerhand aus Schwabenland“ von Hans Rauch und erreichten den 1. Platz mit Pokal. Fritz Dobler, Weltmeister auf dem Akkordeon, war Vorsitzender der Jury.

Zu der anschließenden Besprechung nahm mich Heinz Öttinger mit, und ich hörte, was noch zu verbessern ist, aber auch, was uns alles schon gelungen war. Nach dem Fachlichen lenkte Fritz Dobler das Gespräch auf mich und fragte, wer ich sei und was ich beruflich mache - es kann natürlich sein, dass er gemerkt hat, dass Akkordeonspielen nicht mein Beruf sein kann. Ich gab bereitwillig Auskunft, sagte meinen Namen, Herbert Werz, Beruf Frisör und fügte hinzu, dass ich in der Lage sei, seinen Haarschnitt zu verbessern - das saß! Noch am selben Tag, so gegen Mitternacht habe ich Fritz Doblers Haare geschnitten - und gleich sah er besser aus!?

Ja, und von da an war Fritz Dobler mein Stammkunde. Regelmäßig alle paar Wochen trafen wir uns zum Haare schneiden, Schach spielen, zu Familiengesprächen bei gutem Essen und Trinken, später auch Radtouren und Reisen bis in mein Urlaubsparadies Kenya. Da kenne ich mich gut aus. Etwas allerdings machten wir nur einmal. Ich hatte im Keller eine Luftgewehr-Schießanlage. Nach einigen Schachpartien - die für Fritz Dobler meistens nicht sehr glücklich verliefen - haben wir Zielscheibenschießen gemacht. Eigentlich hatte ich ja Heimvorteil, aber das nützte mir nichts, er war einfach besser, - gaaanz minimal! Beim nächsten Besuch wollte Fritz Dobler wieder seine Schießkunst demonstrieren, wohl um einen Ausgleich für seine Niederlage beim Schachspielen zu erlangen, aber Pustekuchen: die Anlage war abgebaut - bis heute weiß der Kuckuck, wer das gemacht hat, aber es stand nun wieder 1:0 für mich! Auf jeden Fall war immer etwas los bei uns und lustig war es allemal.



[Herbert Werz in Kenia 1995]
Mitte der 60er Jahre sagte Fritz Dobler dann zu seiner Frau Helga: „Über diesen verrückten Frisör schreibe ich mal ein Musikstück“ - das hätte er aber gerne wieder vergessen, da mit viel Arbeit verbunden! Ich aber ließ nicht mehr locker, erinnerte ihn Jahr für Jahr an sein Versprechen, und tatsächlich rief eines Tages Frau Dobler an und sagte: „Herr Werz, ich glaube, mein Mann schreibt an Ihrem Musikstück.“

So hat es also angefangen. Ja und wie soll es heißen? Fritz Dobler sagte: „Ich habe es für Sie und über Sie geschrieben, da ist Werz drin und Werz muss da auch drauf.“ Jetzt wurde überlegt und gehirnt (Ausdruck von Fritz Dobler), bis eines Tages aus unserem Harmonika Verein jemand zu mir sagte: „So langsam wird es Zeit, dass Du mit Spielen aufhörst, dann kannst Du die Komposition ‚Werz Ade’ nennen.“ Ich sagte (auf schwäbisch): „I Ade?! Noch lange nicht.“ Aus diesem Wortspiel wurde „Werz i Ade“, kurz Werziade.


Uraufführung war 1972.Es folgten zwei Auftragskompositionen. Da machten wir es uns leicht mit der Namensgebung und haben einfach nummeriert: Werziade II (1982), Werziade III (1987). Dann die Jahre 1989/1990. Meine Frau lag mit einer schweren Krankheit im Sterben. Familie Dobler hat alles miterlebt.

Die Traurigkeit, aber auch die Dankbarkeit wurde der Inhalt der Werziade IV. Am Anfang das Totenglöcklein, die Schritte zum Friedhof, der Kanon und am Grab dann der Walser, Ausdruck der Freude und Dankbarkeit für das Gewesene, Erlebte. Der Schluss dann immer leiser werdend (morendo, ersterbend). Er steht nach Fritz Doblers Aussage für mein Ausscheiden als aktiver Spieler nach fast 50 Jahren.

Und diesmal habe ich Platz gemacht für jüngere, für die nächste Generation. Bei der Uraufführung 1992 spielte ich im gemeinsamen Orchester Baltmannsweiler/Weilimdorf unter der Leitung von Fritz Dobler zum letzten Mal das Elektronium. Weil es aber nach jedem Ende wieder einen Anfang gibt, spielten wir zum Schluss nochmals die Werziade I. Wieder hatte ich die Kadenz zu spielen (im Duden habe ich nachgelesen: „eingeschobenes Solo, in dem der Solist unter Verwendung der Thematik des Satzes, virtuos improvisiert“ - und genau das habe ich gemacht und sonst nichts).

Unser damaliger Dirigent Johannes Baumann, der auch für jeden Spaß zu haben ist, hat auf meinen Wunsch hin die Kadenz „etwas verändert“. Niemand durfte davon wissen. Bei den Proben allerdings hatte ich einige Probleme, durfte ja nicht die notierte mit der geänderten Version verwechseln. Beim Konzert dann ein nicht enden wollender Beifall, - vielleicht gerade wegen der Veränderung?

Dann sagte Fritz Dobler zu uns: „Wir spielen nochmals den zweiten Teil“ - er wollte auch die Kadenz nochmal hören. Dann aber war ihm alles klar. Das aber musste ich gewaltig büßen ...

Zur Fortsetzung der Geschichte klicken Sie hier ...

[Seitenanfang]