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1.900 Zuhörer beim „Besonderen Konzert" in der Liederhalle Stuttgart

In der Tat - das war ein „besonderes Konzert"! Zwar schon das achte, das Herbert Werz in der Liederhalle veranstaltet hat - auf eigene Rechnung und Risiko, ganz ohne Zuschüsse aus irgendwelchen wohltätigen Quellen, nur getrieben von seiner Passion (man darf das wirklich so sagen) für das Akkordeon.

Wo - außer in Innsbruck, aber das ist ja eine ganz andere Situation - kommen 1.900 Musikfreunde zusammen, um sich konzertante Akkordeonmusik anzuhören? Denn dieses achte „besondere Konzert" fand in Stuttgarts repräsentativer guter Stube, dem Beethoven-Saal der Liederhalle statt und entgegen allen Bedenken und Zweifeln, die seine Freunde nicht verhehlen konnten, war der Saal gefüllt mit einem interessierten Publikum aus jungen und älteren Leuten, aus Akkordeon-Fans und vielen netten Menschen, die wegen Herbert Werz gekommen waren und nun überrascht und beeindruckt wurden von einem „besonderen" Musikerlebnis. So war es eigentlich schon ein Erfolg, ehe noch der erste Auftakt gegeben wurde.



Das Akkordeon-Landesjugendorchester unter der Leitung von Udo Penz machte den Anfang mit der Serenade E-Dur von Antonin Dvorak, in einer Bearbeitung von Stefan Hippe. Mit der Verstärkung durch viele „Ehemalige" präsentierte sich ein imponierendes Ensemble auf der großen Bühne des Beethovensaales, durchaus fähig, eine diesem Hause angemessene künstlerische Leistung zu erbringen.

Mit der Dvorak-Serenade hatte Udo Penz ein Werk gewählt, dessen 5 Sätze sich alle durch melodische Eingängigkeit und sinnliche Intensität auszeichnen - expressiv und heiter beschwingt. Bezeichnend für seine Einstudierung ist die sorgsame Ausgestaltung und Beachtung auch scheinbar nebensächlicher Details, das Eingehen auf den Komponisten und seinen unverwechselbaren Stil.

Absoluter Mittelpunkt aller Werz'schen „besonderen Konzerte" ist das unverzichtbare „kleine G'schichtle", mit dem Herbert zum Vergnügen des Publikums beiträgt. Auch zur Vertiefung der Einsichten, die man durch Musik erhalten kann, sind seine Ausführungen wichtig. Es ist schon anrührend zu hören, wie seine Liebe zu Afrika und seine langjährige Freundschaft mit Fritz Dobler schließlich in eine - beinahe - gemeinsame Schöpfung einmünden, die Keniade!

Die nun erklang unter der Leitung des Komponisten in ihrer letzten und endgültigen Fassung - vier blutvolle Sätze, ausdrucksstarke, bildmächtige Musik. Manche sagen, es sei Doblers beste Komposition, das sei dahingestellt, aber vielleicht ist es die wirkungsvollste.

Nach der Pause - in der es viele Begegnungen zwischen Leuten gab, die alle vorhergehenden „Besonderen Konzerte" gehört hatten, trat Thomas Bauer mit einem gewaltigen Aufgebot auf die Bühne des Beethoven-Saals: Die Orchester Baltmannsweiler und Uhingen - sie haben schon öfters große Projekte gemeinsam verwirklicht, die Camerata Vokale und der Kinderchor der Musikschule Ebersbach, (Einstudierung Wolfgang Proksch), die Solisten Bernhard Weindorf, Bariton, Petra Labitzke, Sopran, Joaquin Asiain, Tenor, zwei Pianisten, sechs Percussionisten - alles in allem rd. 250 Mitwirkende.

Mit der „Carmina" wurde Carl Orff 1937 schlagartig berühmt, ihr archaischer Rückbezug, die bewusste Reduktion auf elementare Ausdrucksweisen faszinierte damals wie heute das Publikum. Diese „weltlichen Gesänge für Soli und Chor mit Begleitung von Instrumenten", so die Übersetzung des lateinischen Untertitels, sind mittelalterliche Dichtungen aus Frankreich, Deutschland und Italien, teilweise mit heftigen Angriffen auf Kirche und Gesellschaft. Die Musik lebt von einer ungeheuer suggestiven Kraft des Rhythmischen , das Schlagwerk dominiert eigentlich immer.

Thomas Bauer hat das Werk für Akkordeon bearbeitet und zusammen mit den von Wolfgang Proksch hervorragend einstudierten Chören in einer gewaltigen Kraftanstrengung zum beeindruckenden Publikumserfolg geführt und damit sicher den Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Akkordeon-Orchester und Chor eine weitere, besonders glanzvolle hinzugefügt. „0 Fortuna!" noch lange wird im Gedächtnis der Konzertbesucher die Beschwörung der Glücksgöttin nachklingen und in den Ohren der Musiker der minutenlange, begeisterte Beifall des Publikums.

Ein wunderbarer, ein riesiger Erfolg für das Akkordeon und seine verschiedenen Interpreten. Doch in erster Linie wohl ein Erfolg des Initiators Herbert Werz, dem Fritz Dobler die goldene Ehrenmedaille des DHV mitgebracht hatte.

Helga Dobler

[erschienen in: Harmonika International 2/2004, 55]

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